Gewissheitsfallen im Coaching

Gewiss­heits­fal­len im Coa­ching

Was Gewiss­heits­fal­len sind — und warum sie so schwer zu erken­nen sind

Es gibt Kli­en­ten, die sind ver­dammt schlau. Die lesen sich in alles ein, ana­ly­sie­ren jede Option, dre­hen jeden Stein zwei­mal um. Und trotz­dem — ste­cken sie fest. Nicht weil sie zu wenig wis­sen. Son­dern weil sie glau­ben, sie müss­ten noch mehr wis­sen, bevor sie han­deln dür­fen.

In der Psy­cho­lo­gie gibt es dafür einen Namen: Gewiss­heits­fal­len (eng­lisch: Cer­tainty Traps). Gedan­ken­mus­ter, die aus einem nor­ma­len Infor­ma­ti­ons­be­dürf­nis einen Käfig machen. Kogni­tive Fle­xi­bi­li­tät — also die Fähig­keit, trotz Offen­heit und Unsi­cher­heit hand­lungs­fä­hig zu blei­ben — ist das Gegen­mit­tel. Und als Men­tal Coach ist es dein Job, den Unter­schied zu erken­nen.

Gewiss­heits­fal­len sind keine Wis­sens­lü­cke. Sie sind ein Denk­mus­ter. Der Kli­ent ist über­zeugt: Bevor ich ent­scheide, muss ich sicher sein. Bevor ich handle, brau­che ich alle Infor­ma­tio­nen. Bevor ich los­lege, darf kein Risiko mehr offen sein.

Klingt ver­nünf­tig. Ist es auch — bis zu einem bestimm­ten Punkt. Danach kippt es. Dann wird aus «ich infor­miere mich» ein «ich kann nicht anfan­gen». Und das Per­fide daran: Es sieht von aus­sen nach Gründ­lich­keit aus. Nicht nach Blo­ckade.

Ich hab’ das bei Ath­le­ten genauso erlebt wie bei Unter­neh­mern. Ein Kli­ent — Mitte dreis­sig, eige­nes Unter­neh­men, klug, reflek­tiert — konnte wochen­lang keine Ent­schei­dung tref­fen, weil er jedes Sze­na­rio durch­spie­len musste. Nicht ein­mal, drei­mal. Und beim drit­ten Mal fiel ihm wie­der etwas Neues ein, das er noch klä­ren wollte. Jeden­falls hat er irgend­wann sel­ber gesagt: «Ich weiss alles. Und genau das hält mich fest.»

Das ist die Tücke daran: Die Gewiss­heits­falle ist unsicht­bar gemacht wor­den. Sie tarnt sich als Gründ­lich­keit, als Ver­ant­wor­tung, als Den­ken. Viele Men­schen sagen zum Kli­en­ten: «Du denkst zu viel.» Ich sage etwas ande­res: «Du weisst nicht, wie du denkst.» Es geht nicht um weni­ger Den­ken. Es geht darum, zu mer­ken, wenn dein Denk­pro­zess sich sel­ber in den Schwanz beisst. Wann die Ana­lyse zur Läh­mung wird.

Das ist der Kern einer Gewiss­heits­falle. Der Gedan­ken­kom­pass zeigt nur in eine Rich­tung: Rich­tung Sicher­heit. Und weil abso­lute Sicher­heit nie erreich­bar ist, dreht sich das Rad end­los.

Kogni­tive Starr­heit: Wenn Den­ken zur Falle wird

Die For­schung zeigt — und das fand ich ehr­lich gesagt über­ra­schend, als ich das zum ers­ten Mal gele­sen hab’ — dass die Unfä­hig­keit, Unsi­cher­heit zu tole­rie­ren, kein Sym­ptom von Angst­stö­run­gen ist. Sie ist ein eigen­stän­di­ger Risi­ko­fak­tor, der quer durch ver­schie­dene psy­chi­sche Belas­tun­gen auf­tritt. Car­le­ton (2016) nennt Into­lerance of Uncer­tainty «one fear to rule them all». Ein ein­zel­ner Mecha­nis­mus, der Gene­ra­li­sierte Angst­stö­rung, OCD und sogar Depres­sio­nen mit­be­feu­ert.

Was mich daran am meis­ten beschäf­tigt hat: Das betrifft nicht nur kli­ni­sche Fälle. Das betrifft ganz nor­male, hoch­funk­tio­nale Men­schen. Unter­neh­mer, die jede Quar­tals­ent­schei­dung zer­den­ken. Füh­rungs­kräfte, die drei Bera­ter fra­gen, bevor sie eine Stelle beset­zen. Coa­ches in Aus­bil­dung, die nach dem sechs­ten Fach­buch immer noch nicht sicher sind, ob sie «bereit» sind.

Für dich als Coach ist das der Punkt: Into­lerance of Uncer­tainty ist ein trans­dia­gnos­ti­scher Fak­tor. Das bedeu­tet, sie zeigt sich nicht nur in Angst­stö­run­gen — sie zeigt sich über­all. Bei dei­nem ambi­tio­nier­ten Kli­en­ten genauso wie bei jeman­dem mit OCD. Kash­dan und Rot­ten­berg (2010) spre­chen von psy­cho­lo­gi­scher Fle­xi­bi­li­tät als zen­tral für psy­chi­sche Gesund­heit. Nicht die Abwe­sen­heit von Unsi­cher­heit, son­dern die Fähig­keit, damit umzu­ge­hen. Das ist das Gebiet, auf dem kogni­tive Fle­xi­bi­li­tät im Coa­ching arbei­tet: nicht gegen die Unsi­cher­heit ankämp­fen, son­dern ler­nen, mit ihr zu tan­zen.

Der Punkt: Kogni­tive Starr­heit — also das Fest­hal­ten an «Ich muss wis­sen, bevor ich han­deln darf» — ist kein Zei­chen von Intel­li­genz. Es ist eine Stra­te­gie des Ner­ven­sys­tems, um Bedro­hung zu ver­mei­den. Und sie funk­tio­niert. Kurz­fris­tig. Lang­fris­tig macht sie hand­lungs­un­fä­hig. Das Gegen­teil — kogni­tive Fle­xi­bi­li­tät — muss aktiv trai­niert wer­den.

Kogni­tive Fle­xi­bi­li­tät im Coa­ching: Von «Ich muss wis­sen» zu «Ich möchte wis­sen»

Das Werk­zeug, das in der Pra­xis den gröss­ten Unter­schied macht, ist sim­pel in der Theo­rie. Und schwie­rig in der Anwen­dung. Es geht um den Unter­schied zwi­schen zwei Denk­mus­tern:

Must-​​Know-​​Denken: «Ich muss wis­sen, wie es aus­geht, bevor ich mich ent­scheide.»

Prefer-​​to-​​Know-​​Denken: «Ich würde gerne wis­sen, wie es aus­geht — aber ich kann auch ohne diese Sicher­heit han­deln.»

Der Unter­schied wirkt klein. Ein Wort. Muss ver­sus möchte. Aber für das Ner­ven­sys­tem ist das wie der Unter­schied zwi­schen Not­bremse und Leer­lauf. «Muss wis­sen» akti­viert Alarm. «Möchte wis­sen» erlaubt Bewe­gung.

Ich sag’ das bewusst so direkt, weil ich es in der Coaching-​​Ausbildung immer wie­der sehe: Teil­neh­mer, die den Unter­schied intel­lek­tu­ell sofort ver­ste­hen — und trotz­dem im eige­nen All­tag wei­ter im Must-​​Know-​​Modus ope­rie­ren. Weil Ver­ste­hen und Erle­ben zwei ver­schie­dene Dinge sind. Das Ner­ven­sys­tem lernt durch Expo­si­tion, nicht durch Erklä­rung.

In der Arbeit mit Kli­en­ten sieht das dann kon­kret so aus:

Kli­ent sagt: «Ich kann mich nicht ent­schei­den, solange ich nicht weiss, ob es funk­tio­niert.»

Die meis­ten Coa­ches wür­den jetzt hel­fen, die Ent­schei­dung durch­zu­ar­bei­ten. Pro und Con­tra. Risi­ko­be­wer­tung. Was-​​wäre-​​wenn.

Ich mach’ das anders. Ich frage: «Was pas­siert, wenn du es nie sicher weisst? Was dann?»

Die Frage zielt nicht auf die Ent­schei­dung. Sie zielt auf die Bezie­hung zur Unsi­cher­heit. Und das ist der Hebel, an dem kogni­tive Fle­xi­bi­li­tät im Coa­ching ent­steht.

Was pas­siert dann? Meis­tens Stille. Nicht Nach­denk­lich­keit. Echte Stille. Der Kli­ent ist in einem Moment, wo sein Sys­tem keine Ant­wort hat — weil die Frage nicht intel­lek­tu­ell ist. Sie ist kör­per­lich. Das ist genau der Punkt. Diese Stille ist keine Blo­ckade. Sie ist die Inter­ven­tion. Sein Ner­ven­sys­tem erlebt, dass die Welt nicht zusam­men­bricht, wenn die Sicher­heit weg ist. Das Ner­ven­sys­tem lernt durch Expo­si­tion, nicht durch Erklä­rung.

Wie du Gewiss­heits­fal­len bei dei­nem Kli­en­ten erkennst — und was du tun kannst

Gewiss­heits­fal­len tar­nen sich. Sie sehen aus wie Gewis­sen­haf­tig­keit, Gründ­lich­keit, Pro­fes­sio­na­li­tät. Das macht sie so tückisch — weil der Kli­ent dafür sogar Lob bekommt. «Du bist so gründ­lich.» «Du denkst wirk­lich alles durch.» Stimmt. Und genau das ist das Pro­blem.

Es gibt ein paar Erken­nungs­merk­male, die ich über die Jahre gesam­melt hab’. Kei­nes davon ist allein ein Beweis — aber wenn zwei oder drei zusam­men­kom­men, lohnt sich ein genaue­rer Blick:

Der Kli­ent stellt die­selbe Frage in ver­schie­de­nen For­mu­lie­run­gen. Nicht weil er die Ant­wort ver­ges­sen hat. Son­dern weil die Ant­wort nie reicht.

Er plant über, bevor er anfängt. Nicht Pla­nung als Stra­te­gie — Pla­nung als Ver­mei­dung. Ein Plan, der nie fer­tig genug ist, muss nie umge­setzt wer­den.

Er war­tet auf das «rich­tige Gefühl». Irgend­wann fühle ich mich bereit. Irgend­wann weiss ich es. Irgend­wann bin ich sicher. Die­ses Irgend­wann kommt nicht.

Er sucht Rück­ver­si­che­rung — bei dir, bei ande­ren, bei Google. Nicht um zu ler­nen. Son­dern um die Unsi­cher­heit für den Moment los­zu­wer­den.

Aber Ach­tung: Viele Coa­ches über­se­hen die­sen Pat­tern, weil sie sel­ber darin ste­cken. Wann war­test du auf die per­fekte Aus­bil­dung, bevor du coachst? Wann sam­melst du noch mehr Tech­ni­ken, statt dei­nen Stil zu fin­den? Dein eige­nes Must-​​Know-​​System kann blin­der Fleck wer­den. Die Kli­en­ten spie­geln deine Hal­tung. Wenn du gelernt hast, mit Unsi­cher­heit zu arbei­ten, erkennst du sie auch bei dei­nem Kli­en­ten.

Was du tun kannst, ist weni­ger als du denkst. Und gleich­zei­tig mehr. Du kannst das Mus­ter benen­nen. Nicht als Dia­gnose, nicht als Vor­wurf — son­dern als Beob­ach­tung. «Mir fällt auf, dass du viel Ener­gie dar­auf ver­wen­dest, Sicher­heit her­zu­stel­len. Was pas­siert, wenn wir die Sicher­heit mal weg­las­sen?»

Du kannst rigide Über­zeu­gun­gen sanft umfor­mu­lie­ren las­sen. Aus «Ich muss vor­her wis­sen, ob es klappt» wird «Ich möchte es gerne vor­her wis­sen — aber ich kann auch ohne diese Gewiss­heit den nächs­ten Schritt machen.» Die For­mu­lie­rung ist nicht kos­me­tisch. Sie ver­än­dert, was das Ner­ven­sys­tem hört. Und genau da setzt kogni­tive Fle­xi­bi­li­tät an.

Und du kannst Expo­si­tion im Klei­nen ein­bauen. Eine Ent­schei­dung, die der Kli­ent trifft, bevor er alle Fak­ten hat. Eine Nach­richt, die er abschickt, ohne sie drei­mal zu über­prü­fen. Das klingt banal. Ist es nicht. Für jeman­den im Must-​​Know-​​Modus ist das ein Akt der Selbst­über­win­dung.

Kogni­tive Fle­xi­bi­li­tät beginnt bei dir

Der ehr­li­che Punkt ist: Gewiss­heits­fal­len betref­fen nicht nur Kli­en­ten. Coa­ches ste­cken genauso darin. Wann hast du das letzte Mal eine Inter­ven­tion aus­pro­biert, bei der du nicht sicher warst, ob sie funk­tio­niert? Wann hast du das letzte Mal in einer Ses­sion gesagt: «Ich weiss es nicht — lass es uns her­aus­fin­den»?

Kogni­tive Fle­xi­bi­li­tät ist kein Kon­zept, das du einem Kli­en­ten erklärst und dann von aus­sen zuschaust. Sie fängt bei dir an. Bei dei­ner Bereit­schaft, mit Unsi­cher­heit zu arbei­ten. Nicht sie zu eli­mi­nie­ren.

In der MCA-​​Ausbildung zum Dipl. Men­tal Coach MGP arbei­ten wir daran: Nicht nur Metho­den ler­nen, son­dern die eigene Bezie­hung zur Unsi­cher­heit ver­ste­hen. Weil du als Coach nur so weit gehen kannst wie du sel­ber gegan­gen bist.

Das bedeu­tet: Du coachst unter Super­vi­sion echte Coaching-​​Situationen, bei denen du nicht alle Ant­wor­ten hast. Echte Kli­en­ten, echte Pro­bleme, echte Unsi­cher­heit. Und danach sprechst du dar­über. Was hat dein Ner­ven­sys­tem gemacht? Wo bist du in die Ver­su­chung gekom­men, mehr Sicher­heit zu schaf­fen — durch mehr Fra­gen, mehr Metho­den, mehr Erklä­run­gen? Hier ent­steht kogni­tive Fle­xi­bi­li­tät im Coa­ching — nicht als Kon­zept, son­dern als gelebte Pra­xis. Die Fähig­keit, mit Unsi­cher­heit zu arbei­ten, wird zur Hand­werks­fä­hig­keit.

Ob du gerade am Anfang stehst oder schon Jahre coachst — die Frage bleibt die­selbe: Wo ste­cken deine eige­nen Gewiss­heits­fal­len? Und was würde pas­sie­ren, wenn du sie mal los­lässt?

Wenn dich das Thema kogni­tive Fle­xi­bi­li­tät im Coa­ching anspricht — und du spürst, dass es bei dir nicht nur um Metho­den geht, son­dern um Hal­tung — dann ist ein Bil­dungs­ge­spräch viel­leicht der rich­tige nächste Schritt. Kein Ver­kaufs­ge­spräch. Ein ech­tes Gespräch dar­über, wo du stehst und ob die MCA-​​Ausbildung zu dir passt.


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Car­le­ton, R. N. (2016). Fear of the unknown: One fear to rule them all? Jour­nal of Anxiety Dis­or­ders, 41, 5 – 21.

Zusam­men­fas­sung: Car­le­ton argu­men­tiert, dass die Into­le­ranz gegen­über Unsi­cher­heit ein zen­tra­ler, trans­dia­gnos­ti­scher Fak­tor ist — ein ein­zi­ger Mecha­nis­mus, der ver­schie­dene Angst­stö­run­gen, Zwangs­stö­run­gen und Depres­sio­nen mit­an­treibt. Die «Angst vor dem Unbe­kann­ten» ist nicht ein Sym­ptom unter vie­len, son­dern ein gemein­sa­mer Nen­ner psy­chi­scher Belas­tung.

Gen­tes, E. L., & Ruscio, A. M. (2011). A meta-​​analysis of the rela­tion of into­lerance of uncer­tainty to sym­ptoms of gene­ra­li­zed anxiety dis­or­der, major depres­sive dis­or­der, and obsessive-​​compulsive dis­or­der. Cli­ni­cal Psy­cho­logy Review, 31(6), 923 – 933.

Zusam­men­fas­sung: Die Meta-​​Analyse bestä­tigt, dass Unsi­cher­heits­in­to­le­ranz signi­fi­kant mit Gene­ra­li­sier­ter Angst­stö­rung, Depres­sion und OCD zusam­men­hängt. Der Befund stützt die Sicht­weise, dass es sich um einen über­grei­fen­den Mecha­nis­mus han­delt — nicht auf eine ein­zelne Stö­rung beschränkt.

Kash­dan, T. B., & Rot­ten­berg, J. (2010). Psy­cho­lo­gi­cal fle­xi­bi­lity as a fun­da­men­tal aspect of health. Cli­ni­cal Psy­cho­logy Review, 30(7), 865 – 878.

Zusam­men­fas­sung: Kash­dan und Rot­ten­berg zei­gen, dass psy­cho­lo­gi­sche Fle­xi­bi­li­tät — die Fähig­keit, sich an wech­selnde Umstände anzu­pas­sen, ohne in rigi­den Mus­tern zu ver­har­ren — ein zen­tra­ler Indi­ka­tor für psy­chi­sche Gesund­heit ist. Nicht die Abwe­sen­heit von Stress, son­dern die Fähig­keit, mit ihm umzu­ge­hen, macht den Unter­schied.

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