Rückversicherung im Coaching

Rück­ver­si­che­rung im Coa­ching

Ein Coach sitzt einem Kli­en­ten gegen­über. Der Kli­ent ist ange­spannt, unru­hig — und fragt zum zwei­ten Mal in die­ser Ses­sion: «Aber glaubst du, das wird klap­pen?» Der Helfer-​​Instinkt mel­det sich sofort. Man will hel­fen, dass es ihm bes­ser geht. Also sagt der Coach: «Ja, das klappt schon.» Was er gerade getan hat, nennt sich Rück­ver­si­che­rung im Coa­ching.

Und es ist einer der häu­figs­ten Feh­ler in der Arbeit mit Kli­en­ten. Nicht weil er bös­wil­lig wäre. Son­dern weil er so über­aus gut gemeint ist.

Das Tücki­sche an der Rück­ver­si­che­rungs­falle: Sie ver­steckt sich hin­ter dem, was sich nach Hilfe anfühlt. Wer hin­ein­greift, merkt es oft erst dann, wenn der Kli­ent immer mehr braucht — und immer weni­ger alleine kann.

Rück­ver­si­che­rung im Coa­ching: Was im Ner­ven­sys­tem pas­siert

Beru­hi­gung funk­tio­niert kurz­fris­tig. Der Kli­ent atmet durch, die Anspan­nung lässt nach, der Moment scheint geret­tet. Und genau das macht Rück­ver­si­che­rung so gefähr­lich.

Das Pro­blem liegt nicht in die­ser Sekunde der Erleich­te­rung. Es liegt in dem, was das Ner­ven­sys­tem dabei lernt — und zwar jedes Mal, wenn sich der Ablauf wie­der­holt.

Wenn das Gehirn erlebt, dass Unge­wiss­heit durch externe Beru­hi­gung auf­ge­löst wird, ver­knüpft es zwei Dinge: Unge­wiss­heit bedeu­tet Alarm. Beru­hi­gung von aus­sen bedeu­tet Lösung. Diese Ver­knüp­fung ver­stärkt sich mit jeder Wie­der­ho­lung. Der Kli­ent braucht mit der Zeit nicht weni­ger Bestä­ti­gung, son­dern mehr. Die Schwelle, ab der Unge­wiss­heit unaus­halt­bar ist, sinkt.

Das ist kein Cha­rak­ter­man­gel. Das ist kon­di­tio­nier­tes Ler­nen.

Sal­kovs­kis, P.M., & Kobori, O. (2015) haben gezeigt, dass soge­nannte Sicher­heits­ver­hal­ten — also Ver­hal­tens­wei­sen, die kurz­fris­tig Angst redu­zie­ren — lang­fris­tig dazu bei­tra­gen, dass das Angst­ni­veau steigt statt fällt. Das Sicher­heits­ver­hal­ten wird zur Ursa­che des Pro­blems, das es schein­bar löst. Und wer als Coach regel­mäs­sig beru­higt, wird Teil die­ses Kreis­laufs der Rück­ver­si­che­rung im Coa­ching. Ob er will oder nicht.

Der blinde Fleck im Helfer-​​Instinkt

Ich habe in den letz­ten Jah­ren viele Gesprä­che mit Men­schen geführt, die Coach wer­den wol­len oder bereits im Coa­ching arbei­ten. Und ich beob­achte häu­fig das­selbe Mus­ter: Den Wunsch zu hel­fen, der so stark ist, dass er manch­mal im Weg steht.

Jeman­den in Stress zu beob­ach­ten und nichts zu tun — das fühlt sich irgend­wie falsch an. Beson­ders für Men­schen, die aus Empa­thie in die­ses Berufs­feld kom­men. Die Stille aus­zu­hal­ten, wenn ein Kli­ent zwei­felt, braucht eine innere Sta­bi­li­tät. Eine, die nicht selbst­ver­ständ­lich ist.

Neu­ro­bio­lo­gisch ist das erklär­bar. Wenn wir jeman­den in einer Not­lage sehen, akti­vie­ren Spie­gel­neu­ro­nen ähn­li­che Stress­si­gnale in uns. Der Impuls zu beru­hi­gen löst nicht nur den Stress des Kli­en­ten. Son­dern er löst auch unse­ren eige­nen. Und das pas­siert schnell, auto­ma­tisch, ohne dass wir es bewusst steu­ern.

Der unbe­queme Punkt dabei: Oft beru­hi­gen wir nicht wegen des Kli­en­ten. Wir beru­hi­gen wegen uns selbst.

Die Stille, die Anspan­nung, die Unge­wiss­heit im Raum — all das ist für uns unan­ge­nehm. Die Beru­hi­gung macht das auf­hö­ren. Sie fühlt sich wie Hilfe an, weil es uns bes­ser­geht. Sofort danach.

Das ist der gut­ge­meinte Feh­ler: Wir neh­men unsere eigene Reak­tion für eine Inter­ven­tion. Dabei haben wir in die­sem Moment uns selbst gema­nagt — nicht den Kli­en­ten. Und der Kli­ent hat gelernt, dass die Lösung für sei­nen Stress von aus­sen kommt.

Wie sich Rück­ver­si­che­rung im Coa­ching im All­tag fes­tigt

Eine Kol­le­gin hatte mal einen Kli­en­ten — nen­nen wir ihn Ste­fan, Name geän­dert — der sie vor gros­sen Prä­sen­ta­tio­nen regel­mäs­sig anrief. Nicht ein­mal. Nicht zwei­mal. Drei, vier Mal in den Tagen davor, manch­mal noch am Mor­gen selbst. Jedes Mal die­selbe Frage in leicht ver­än­der­ter Form: «Glaubst du, das reicht? Bin ich gut genug vor­be­rei­tet? Ist das okay?»

Jede Beru­hi­gung half für ein paar Stun­den. Dann kam die nächste Welle Unsi­cher­heit — etwas grös­ser als die letzte. Der Abstand zwi­schen den Anru­fen wurde kür­zer. Die Beru­hi­gun­gen, die ich gab, muss­ten kon­kre­ter sein, um zu wir­ken.

Was Ste­fan brauchte, war nicht die Ant­wort auf «Reicht das?» Er brauchte die Erfah­rung, dass er auch ohne Ant­wort hand­lungs­fä­hig bleibt. Diese Erfah­rung kann kein Coach lie­fern. Sie ent­steht nur durch Expo­si­tion — durch das tat­säch­li­che Aus­hal­ten der Unge­wiss­heit.

Das Ner­ven­sys­tem lernt durch Erfah­rung, nicht durch Erklä­rung. Das ist einer der Sätze, zu dem ich in der Arbeit mit Kli­en­ten immer wie­der zurück­komme. Weil er so vie­les erklärt, was im Coa­ching falsch läuft: Wir erklä­ren, warum jemand keine Angst haben muss — statt die Bedin­gun­gen zu schaf­fen, unter denen das Ner­ven­sys­tem es selbst her­aus­fin­det.

Sal­kovs­kis (1991) hat das beschrie­ben: Rück­ver­si­che­rung ist funk­tio­nal ähn­lich wie andere Sicher­heits­ver­hal­ten — sie unter­bricht den Angst­pro­zess, bevor er zu sei­nem natür­li­chen Ende kom­men kann. Das natür­li­che Ende wäre: die Erfah­rung, dass die Situa­tion über­wind­bar ist. Wer die­sen Pro­zess abkürzt, nimmt dem Kli­en­ten genau diese Erfah­rung weg.

Alter­na­ti­ven zur Rück­ver­si­che­rung im Coa­ching

Es gibt keine uni­ver­selle Gegen­an­wei­sung. Was es gibt, ist eine andere Hal­tung.

Statt die Unge­wiss­heit auf­zu­lö­sen: mit ihr sit­zen. Nicht als Coach, der schweigt, weil er keine Ant­wort hat. Son­dern als Coach, der nicht hilft, son­dern beglei­tet. Das ist ein Unter­schied, den Kli­en­ten spü­ren — auch wenn sie ihn nicht benen­nen kön­nen.

Einige For­mu­lie­run­gen, die diese Hal­tung kon­kret umset­zen:

  • «Was würde pas­sie­ren, wenn du diese Frage heute nicht beant­wor­tet bekommst?» — Expo­si­tion statt Auf­lö­sung.
  • «Was hast du schon gezeigt, dass du kannst?» — Res­source akti­vie­ren, ohne extern zu bestä­ti­gen.
  • «Was brauchst du, um den nächs­ten Schritt trotz­dem zu machen?» — Hand­lungs­fä­hig­keit trotz Unge­wiss­heit.

Das Schwie­rige daran: Es fühlt sich im Moment weni­ger hilfs­be­reit an. Der Kli­ent bekommt nicht, was er sich unmit­tel­bar wünscht. Das als Coach zu machen, setzt vor­aus, dass man weiss, warum man es tut. Und dass man die Unbe­hag­lich­keit des Moments aus­hält, ohne sie weg­zu­re­den. In einer sta­bi­len inne­ren Hal­tung.

Erst bei dir. Dann bei ande­ren.

Wer ande­ren dabei hel­fen will, Unge­wiss­heit aus­zu­hal­ten, muss zuerst wis­sen, wie sich das bei sich selbst anfühlt. Was pas­siert in dir, wenn ein Kli­ent zwei­felt? Wann wirst du unru­hig? Wann greifst du nach der Beru­hi­gung — nicht für ihn, son­dern für dich?

Das sind keine theo­re­ti­schen Fra­gen. Das ist die prak­ti­sche Grund­lage für gutes Men­tal Coa­ching.

In der MCA-​​Ausbildung zum Dipl. Men­tal Coach MGP arbei­ten wir an genau die­ser Dimen­sion: Selbst­kennt­nis nicht als Selbst­zweck, son­dern als Werk­zeug. Wer die eige­nen Mus­ter kennt, kann sie von denen des Kli­en­ten unter­schei­den. Wer weiss, wann er selbst nach Sicher­heit greift, bemerkt es auch in der Arbeit — und kann eine bewuss­tere Ent­schei­dung tref­fen.

Rück­ver­si­che­rung im Coa­ching ist kein metho­di­sches Pro­blem. Sie ist ein per­sön­li­ches. Und wer bereit ist, das ehr­lich anzu­schauen, macht einen der wich­tigs­ten Schritte in der eige­nen Ent­wick­lung als Coach.

 

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Sal­kovs­kis, P.M., & Kobori, O. (2015). Reas­su­rin­gly calm? Self-​​reported pat­terns of respon­ses to reas­surance see­king in obses­sive com­pul­sive dis­or­der. Jour­nal of Beha­vior The­rapy and Expe­ri­men­tal Psych­ia­try, 49(Pt B), 203 – 208.

Sal­kovs­kis, P.M. (1991). The Import­ance of Beha­viour in the Main­ten­ance of Anxiety and Panic: A Cogni­tive Account. Beha­viou­ral and Cogni­tive Psy­cho­the­rapy, 19(1), 6 – 19.

Zusam­men­fas­sung: Sal­kovs­kis beschreibt, wie Sicher­heits­ver­hal­ten — ein­schliess­lich Rück­ver­si­che­rung und Reas­surance See­king — den Angst­zy­klus auf­recht­er­hält. Das Ver­hal­ten ver­hin­dert die Erfah­rung, dass der befürch­tete Aus­gang nicht ein­tritt, und fes­tigt dadurch die dys­funk­tio­nale Über­zeu­gung. Für Coa­ches bedeu­tet das: Beru­hi­gung kann die Über­zeu­gung stär­ken, dass Unge­wiss­heit unaus­halt­bar ist.

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