Toleranz gegen Unsicherheit

Tole­ranz gegen Unsi­cher­heit

Fast jeder Kli­ent, der wegen Angst oder Pro­kras­ti­na­tion kommt, kämpft eigent­lich gegen das­selbe Mus­ter.

Nicht gegen andere Men­schen. Nicht gegen seine Auf­ga­ben. Gegen das Nicht-​​Wissen.

Ich hab’ das in kei­ner Aus­bil­dung je so gehört. Klingt jetzt auch selt­sam sim­pel. Aber je län­ger Men­schen begleite, desto öfter seh’ ich es – und irgend­wann hört man auf, das weg­zu­er­klä­ren.

Das nennt sich Tole­ranz gegen Unsi­cher­heit. Einer der unter­schätz­te­ren Fak­to­ren im Coa­ching. Nicht weil es ein Fach­be­griff wäre, den du ken­nen soll­test – son­dern weil du ihm täg­lich begeg­nest. Oft unter einem ande­ren Namen.

Was das ist, wie du es erkennst – und was es, ehr­lich gesagt, auch mit dir zu tun haben könnte …

Was Unsi­cher­heits­to­le­ranz wirk­lich ist

Der wis­sen­schaft­li­che Begriff heisst Into­lerance of Uncer­tainty – IU. Ein kogni­ti­ver Bias: Men­schen neh­men unsi­chere Situa­tio­nen als Bedro­hung wahr, auch wenn kein ech­tes Risiko besteht. So weit ist es erst­mal ‘nor­mal’.

Da gibt’s Meta­ana­ly­sen – ich weiss ehr­lich gesagt nicht mehr wel­che – die zei­gen, dass die­ser Fak­tor quer durch fast alle Dia­gno­sen auf­taucht. Gene­ra­li­sierte Angst. Zwangs­er­kran­kun­gen. Gesund­heits­angst. Sogar bei Depres­sio­nen. Der­selbe Nen­ner.

Was wich­tig ist: Für das Gehirn ist Unge­wiss­heit keine neu­trale Infor­ma­tion. Sie schal­tet das­selbe Alarm­sys­tem an wie eine echte Bedro­hung. Ob das die ganze Erklä­rung ist, weiss ich nicht. Aber es ver­än­dert, wie ich auf diese Kli­en­ten schaue.

Viel­leicht kennst du das. Der Stu­dent, der nachts nicht schla­fen kann – obwohl er gut vor­be­rei­tet war. Die Mut­ter, die seit vier­zehn Mona­ten über­legt ob sie wie­der ein­stei­gen soll, und “noch recher­chiert”. Der Unter­neh­mer, der eine Ent­schei­dung trifft, bestä­tigt bekommt – und dann erzählt er mir drei Tage spä­ter, er fange von vorne an.

Keine schwa­chen Men­schen. Men­schen, bei denen ihr Sys­tem hoch­fährt, das eigent­lich schüt­zen soll.

Was das für dich als Coach bedeu­tet: Wenn ein Kli­ent sagt, er habe “ein­fach Angst” – lohnt es sich, eine Ebene tie­fer zu schauen. Nicht was er fürch­tet. Ob er das Nicht-​​Wissen selbst nicht aus­hal­ten kann. Das ist oft eine andere Frage. Mit einer ande­ren Ant­wort.

Wie sich Unsi­cher­heit bei Kli­en­ten zeigt

Es gibt vier Mus­ter. Alle sehen im ers­ten Moment wie Lösungs­ver­su­che aus. Das macht sie so schwer zu erken­nen.

Rück­ver­si­che­rung. Der Kli­ent fragt immer wie­der nach. Beim Chef. Bei der Part­ne­rin. Bei dir. Ein­mal ist nor­mal. Zehn Mal zum sel­ben Thema in einer Woche – da ist was.

Über­pla­nung. Bevor etwas Neues beginnt, muss alles durch­dacht sein. Jedes Sze­na­rio. Jede Even­tua­li­tät. Ich kenn’ das – Pla­nung, die sich pro­duk­tiv anfühlt. Die halt meis­tens Ver­mei­dung ist.

Pro­kras­ti­na­tion. “Ich fange an, wenn ich mehr weiss.” Was heisst: solange das Ergeb­nis offen ist, pas­siert nichts. Der Start­schuss liegt bei der Gewiss­heit – die nie kommt.

Und Ver­mei­dung. Auf Jobs nicht bewor­ben. Neue Ver­ant­wor­tung abge­lehnt. Nicht weil der Kli­ent das nicht will. Weil der Aus­gang offen ist.

Was all das gemein­sam hat: kurz­fris­tig hilft es. Lang­fris­tig macht es das Mus­ter sta­bi­ler. Weil das Ner­ven­sys­tem nie die Erfah­rung macht, dass Unsi­cher­heit – naja – aus­halt­bar ist.

Und wer das nie erlebt, wird es nie wirk­lich glau­ben. Reden hilft da wenig. Das klingt offen­sicht­lich – ich weiss. Und trotz­dem wird’s in vie­len Aus­bil­dun­gen regel­mäs­sig über­sprun­gen.

Die Beruhigungs-​​Falle – und warum du hin­ein­tappst

Wenn ein Kli­ent ängst­lich ist, liegt der Impuls nahe: beru­hi­gen. “Das wird schon gut.” “Ich seh’, dass du gut vor­be­rei­tet bist.”

Ich hab’ das jah­re­lang auch so gemacht.

Und im Moment ist es halt auch nicht falsch – die Beru­hi­gung gibt kurz­fris­tig Halt. Was dabei aber pas­siert, hab’ ich erst spä­ter ver­stan­den: du bestä­tigst, was der Kli­ent ohne­hin glaubt. Dass Unsi­cher­heit gefähr­lich ist. Dass er externe Sicher­heit braucht. Das Ner­ven­sys­tem lernt nicht, mit Unge­wiss­heit umzu­ge­hen. Es lernt, auf Beru­hi­gung zu war­ten.

Das Gegen­prin­zip heisst Akzep­tanz. Naja – der Begriff klingt nach Resi­gna­tion. Ist er nicht. Es geht darum, auf­zu­hö­ren gegen das zu kämp­fen, was sich nicht kon­trol­lie­ren lässt. Ein Unter­schied, der in der Pra­xis viel ver­än­dert. Ob das in jeder Ses­sion funk­tio­niert, ist eine andere Frage.

Wie das kon­kret geht – kommt gleich. Aber vor­her ein kur­zer Zwi­schen­halt.

Was das mit dir als ange­hen­dem Coach zu tun hat

Ehr­lich gesagt: viel.

Weil die meis­ten, die eine Coaching-​​Ausbildung begin­nen, selbst mit Unsi­cher­heit kämp­fen. Bin ich gut genug? Werd’ ich hel­fen kön­nen? Was wenn ich etwas falsch mache?

Das ist mensch­lich. Ich sag’s nicht um zu beru­hi­gen – ich sag’s, weil es wich­tig ist, dass du’s siehst.

Coa­ches, die ihre eigene Tole­ranz gegen Unsi­cher­heit nicht ken­nen, tra­gen sie in die Arbeit. Wir beru­hi­gen zu schnell – weil wir selbst das Unbe­ha­gen im Raum nicht aus­hal­ten. Wir mei­den heikle Fra­gen – weil offene Ant­wor­ten uns selbst unwohl füh­len las­sen. Nicht absicht­lich. Es pas­siert, weil nie­mand dar­über gespro­chen hat.

Selbst­re­fle­xion ist kein net­tes Extra in einer guten Aus­bil­dung. Vor­aus­set­zung.

Dein Selbst­check: Wie ist deine eigene Tole­ranz gegen Unsi­cher­heit?

Lies die fol­gen­den Aus­sa­gen. Merk dir, bei wel­chen du zögerst:

  • Bei Ent­schei­dun­gen ohne kla­res Ergeb­nis schiebe ich gern auf.
  • Bevor ich etwas Neues beginne, plane ich über­mäs­sig vor.
  • Ich frage häu­fig andere um Bestä­ti­gung, wenn ich mir nicht sicher bin.
  • Ich meide Situa­tio­nen, wo ich nicht weiss, wie ich abschneide.
  • In unsi­che­ren Momen­ten nehme ich oft das Schlim­mere an.
  • Ent­schei­dun­gen ohne voll­stän­dige Infor­ma­tio­nen fal­len mir schwer.
  • Ich über­lege immer wie­der, was schief­ge­hen könnte.

Kein rich­ti­ges Ergeb­nis hier. Der Punkt ist: hin­zu­schauen. Was du bei dir nicht kennst, zeigt sich in jeder Ses­sion. Manch­mal erst nach Wochen.

Was Tole­ranz gegen Unsi­cher­heit für deine Pra­xis bedeu­tet

Wenn du weisst, was Tole­ranz gegen Unsi­cher­heit ist und wie sie sich zeigt – ver­än­dert sich was in der Arbeit. Nicht auf Anhieb. Aber es ver­än­dert sich.

Du erkennst das Mus­ter frü­her. Du weisst, warum schnelle Beru­hi­gung manch­mal scha­det. Und du kannst mit dem Kli­en­ten an etwas arbei­ten, das die meis­ten nie unter­schei­den: ech­tes Unbe­ha­gen – das aus­halt­bar ist – und echte Gefahr, die Hand­lung braucht.

Der evi­denz­ba­sierte Weg führt über Expo­si­tion. Kleine, bewusste Schritte in Rich­tung Unan­ge­neh­mes. Damit das Ner­ven­sys­tem lernt, dass es über­lebt. Das ist keine Theo­rie – das ist in der ACT-​​Forschung und in der kognitiv-​​behavioralen Arbeit seit Jah­ren doku­men­tiert. Ob wir den Begriff ‘Expo­si­tion’ nut­zen oder nicht.

Was das kon­kret in einer Ses­sion bedeu­tet:

  • Gemein­sam kleine Schritte pla­nen – Wo kann der Kli­ent bewusst mit Unsi­cher­heit in Kon­takt gehen, ohne sich zu über­for­dern? Was wäre gerade noch aus­halt­bar?
  • Unbe­ha­gen nor­ma­li­sie­ren – Es ist kein Beweis dafür, dass etwas falsch läuft. Es ist ein Signal, dass etwas Neues pas­siert.
  • Rück­schritte ein­ord­nen – Wer in einem schwie­ri­gen Moment wie­der Absi­che­rung sucht, hat nicht ver­sagt. Er ist ein Mensch.

Und was bedeu­tet das für dich? Du wirst als Coach den Raum hal­ten müs­sen, der sich unwohl anfühlt. Für dich selbst. Ohne das aus­hal­ten zu kön­nen, ist es schwer, es beim Kli­en­ten zu beglei­ten.


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  • Osmanağaoğlu, N., Cres­well, C., & Dodd, H. F. (2018). Into­lerance of Uncer­tainty, anxiety, and worry in child­ren and ado­le­scents: A meta-​​analysis. Jour­nal of Affec­tive Dis­or­ders, 225, 80 – 90.
  • Gen­tes, E. L., & Ruscio, A. M. (2011). A meta-​​analysis of the rela­tion of into­lerance of uncer­tainty to sym­ptoms of gene­ra­li­zed anxiety dis­or­der, major depres­sive dis­or­der, and obses­sive – com­pul­sive dis­or­der. Cli­ni­cal Psy­cho­logy Review, 31(6), 923 – 933.
  • Car­le­ton, R. N. (2016). Fear of the unknown: One fear to rule them all? Jour­nal of Anxiety Dis­or­ders, 41, 5 – 21.
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  • Quelle (PDF): Ćatíc, L. (o. J.). (In)tolerance of Uncer­tainty. Posi­tive Psy­cho­logy Tool­kit. posi​ti​ve​psy​cho​logy​.com
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